Rindviecher

„Lieber Gott - ist das peinlich!" hörte ich meine Großmutter ab und an. Betonung auf dem „das" und das „ei" unendlich gedehnt. Großvater brummte meist nur ein Wort dazu: „Rindviecher!"

„Das" war, wenn etwas passierte, was leider öffentlich wurde, das es zu verheimlichen galt. Mein Gott war das peinlich –als ich jetzt in Hamburg auf die sieben oder acht - ist ja egal - in Schatensen abgehauenen Rinder oder Kühe - ist ja egal - angeredet wurde. Diese sieben einheimischen Viecher hauten bekanntlich ab in die Wälder und konnten nicht eingefangen werden, weil das einzige Betäubungsgewehr angeblich nur im Kreishaus lag.

Aber da lag es nicht, weil es gerade zur Reparatur in Lüneburg lag. Deshalb wurden die sieben Uelzener Landkreis-Bewohner nicht anständig anästhesiert und friedlich in einem Tiernotarztbus zurück nach Schatensen gebracht, sondern nach Verfolgung durch die Polizei von dieser erschossen.

Lieber Gott - ist das peinlich! Die mühsamen Verbesserungsversuche unseres Images von Uelzen außerhalb von Uelzen: mal wieder umsonst weil alles lacht. Einstellung von extra Öffentlichkeitsarbeitern zur besseren Uelzen-Repräsentation - umsonst! Neue Internetpräsentation - umsonst Wir sind im schlimmsten Zustand: Lächerlich.

Gleich mehreres ist so peinlich, dass wir trotz riesigen Rindviecher-Aufkommens in unserem Agrar-Kreis nur ein offenbar kaputtes Gewehr hatten - ohne jeden Ersatz für den naheliegenden Notfall. Schließlich haben wir auch außerhalb von Schatensen Rindviecher, die bekanntlich kein Großhirn haben und nicht nachdenken! Selbst die Rindviecher bei uns die ein Großhirn haben, denken ja oft genug nicht nach. Dem Landwirt, dem die Viecher abhauten, kann man nur den kleinen Vorwurf machen, seine Zäune oder Rindvieh-Erziehung seien in Unordnung.

Denjenigen Verantwortlichen aber gilt der größte Vorwurf, die das besagte Gewehr ausgerechnet nach Lüneburg schickten! Man darf alles, aber das einzige, was wir haben, doch nicht ausgerechnet nach Lüneburg geben!

Jahrhundertelang standen wir in Abhängigkeit von Lüneburgs Salzpfannen und den früheren Regierungsochsen am Ochsenmarkt und haben uns nun mühsamst ein bisschen durch die Zuckerfabrik, ein Schlösschen und Struck emanzipiert. Und jetzt diese neue Abhängigkeit! War es außerdem nötig zu veröffentlichen, dass die Schatenser , verwildert" sein sollten - kaum dass sie im Wald waren?

Das zeugt nicht vom nachhaltigen Kulturniveau in unserer Ostheide. War es nötig, unsere Uelzener Polizei national zu blamieren als Nothilfe-Cowboys? Muss demnächst - bei weiteren Uelzener Rindviechern in Kreis und Stadt - unser BGS etwa Amtshilfe leisten? Das Stück „Das Jagdgewehr" im Neuen Schauspielhaus bei Schamuhn eiligst spielen zu lassen, war nur psychische Kompensation, keine echte Hilfe. Wenn es Euch da in Uelzen nicht gäbe wir hätten kaum was zu lachen" - hörte ich im Weggehen in Hamburg. Ist das ein Trost? Lieber

Gott ist das peinlich!

14.November .00